CULTURE is/as/for CHANGE

Zur Wechselwirkung von Kunst, Kultur und Nachhaltigkeit

Wir leben in einer Zeit der Stapelkrisen (Markus Gabriel). Die Herausforderungen, mit der die Menschheit konfrontiert sind, haben ein globales Ausmaß und ebenso globale Auswirkungen.
 
Angesichts schwelender politisch-ökonomischer Konfliktsituationen drohen jedoch die ebenfalls brisanten ökologischen und sozialen Herausforderungen in den Hintergrund zu geraten. Der Anpassungs- und Veränderungsdruck in Bezug auf die gesellschaftlichen Entwicklungen hin zu einem ganzheitlichen Verständnis von Nachhaltigkeit ist so enorm, dass alle möglichen Kräfte mobilisiert werden müssen, um die erforderliche transformatorische Bewegung in Gang zu setzen. Vor diesem Hintergrund ist auch der kulturelle Sektor gefordert, einen produktiven Teil dieser von der Weltgemeinschaft zu leistenden Aufgabe zu erbringen. 
 
Bereits im Juni 2022 veranstaltete das Museum Neukölln in Kooperation mit dem Club of Rome Deutschland/Österreich und dem Department für Kunst- und Kulturwissenschaften der Universität Krems das Digitale Symposium zur Wechelwirkung Kultur / Nachhaltigkeit
 

Das Symposium widmete sich der Fragestellung, wie die Potenziale von Kunst und Kultur als integraler Bestandteil eines ganzheitlichen Verständnisses von Nachhaltigkeit genutzt werden können – um auf dieser Basis Kunst und Kultur als 18. Sustainable Development Goal (SDG) verankern zu können.

Mit dem Konzept einer Kultur für nachhaltige Entwicklung (KNE) richtete das Symposium den Blick auf eine partnerschaftliche, global-gerechte Interaktion von Mensch und Umwelt. Dabei können Museen, Universitäten und auch NGOs wie der Club of Rome als innovative Leitinstitutionen (Change Agents) dienen, indem sie ihre Rolle als Wissensspeicher, als Wissensgeneratoren und Multiplikator zu einer gesamtgesellschaftlichen, nachhaltigen Wert-Schöpfungskette verbinden.

 

ALLE | JETZT | IMMER | ÜBERALL

Der Handlungsdruck steigt. Die For-Future-Bewegungen haben inzwischen auch den Wissenschafts-, Kultur- und Museumsbetrieb erreicht. Es braucht nachhaltige [sic!] und entschlossen-operative Schritte in Richtung auf eine global und ganzheitlich ausgerichtete Lebensführung; Bildung wird zum Dreh- und Angelpunkt künftiger Entwicklungen.

 

Know Why? / Know How? - Wissen ist der Rohstoff des 21. Jahrhunderts

Die UNESCO hat mit ihren beiden World Conferences die Bedeutung der Arts Education für globale Entwicklungen und auch für ein wachsendes Verständnis von Nachhaltigkeit gestärkt. Die Rolle von Bildung und Kultur fand so auch Eingang in die Formulierung der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen. Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) erhält eine zunehmend zentrale Rolle für die Gestaltung eines verantwortungsvoll geführten Lebens.

Wir richten mit Kultur für nachhaltige Entwicklung (KNE) den Blick auf die partnerschaftliche, generationsübergreifende und global-gerechte Interaktion von Mensch und Umwelt:

  • Alexander von Humboldt hat das einfach und zugleich kongenial ausgedrückt: „Alles ist Wechselwirkung.“
  • Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, der Co-Kurator der documenta 14, verdeutlicht uns mit seinem Dictum „Unlearning the Given“, dass es durchaus nicht immer nur um den Erwerb neuer Kenntnisse und Fähigkeiten geht, sondern auch darum, überkommene Kompetenzen oder Wertvorstellungen in Frage zu stellen – d.h. zu verlernen.

Kultur, Kreativität – ebenso wie die Fähigkeit zur Reflexion, das Erinnerungsvermögen und die Fähigkeit zur Sinnstiftung – das macht uns menschlich. Damit Kultur in Zukunft ihre strategischen Potentiale für eine ganzheitlich-nachhaltige Entwicklung entfalten kann, sollte sie als 18. SDG verankert werden.

 

Moderation:

Dr. Matthias Henkel
(Leiter des Fachbereichs Museum | Stadtgeschichte | Erinnerungskultur, Bezirksamt Neukölln) 

Dr. Friedrich Hinterberger
(Vizepräsident des Austrian Chapter des Club of Rome)

Uli Mayer-Johanssen
(future works – Deutsche Gesellschaft Club of Rome)

 

Dr. Matthias Henkel und Uli Mayer-Johanssen eröffnen die Tagung mit Ihrem Statement:

Status Quo

Sie kontatieren, dass sich die Menschheit an einem kritischen Wendepunkt befindet. Die aktuelle Situation wird nicht als isoliertes Einzelproblem, sondern als eine vielschichtige, systemische Krise beschrieben. Diese äußert sich durch ein komplexes Geflecht aus schwindenden Ressourcen, steigenden Temperaturen, Extremwetterereignissen, unterbrochenen Lieferketten, gesellschaftlichen Transformationsprozessen, globaler Ungerechtigkeit und kriegerischen Auseinandersetzungen. Angesichts dieser Dynamik wird die Notwendigkeit postuliert, den Modus des bloßen Reflektierens („Räsonieren und Resignieren“) zu überwinden und in ein zielgerichtetes, global sowie generationsübergreifend gerechtes Handeln überzugehen.

Rekonzeptualisierung des Nachhaltigkeitsbegriffs

Ein wesentlicher konzeptioneller Beitrag der Einführung liegt in der Forderung nach einem Paradigmenwechsel im Verständnis von Nachhaltigkeit. Es wird kritisiert, dass sich Nachhaltigkeitsbestrebungen im Kulturbereich oft darauf beschränken, Institutionen wie Museen oder Universitäten operativ ökologischer zu gestalten. Die Referenten plädieren stattdessen dafür, Kunst und Kultur nicht länger als dekoratives „Nice-to-have“, rein kosmetisches „Feigenblatt“ oder bloße „sinnvolle Arabeske“ zu betrachten. Vielmehr müssen sie als sinnstiftendes und institutionelles Element eines grundlegend neu zu definierenden Nachhaltigkeitsbegriffs verstanden und gesellschaftlich etabliert werden.

Kunst und Kultur als Katalysatoren der Transformation

Dem Kulturbereich wird eine instrumentelle Rolle bei der Bewältigung der globalen Krise zugeschrieben, die sich in drei Dimensionen äußert:

  • Perspektivenwechsel als Entwicklungsmotor: Fundamentale gesellschaftliche Veränderungen basieren primär auf der Transformation von Sichtweisen. Kunst und Kultur fungieren als Katalysatoren, die den „Staub des Alltags von der Seele“ wischen (ein im Transkript phonetisch als „kasse“ erfasstes, im Original vermutlich auf Picasso zurückgehendes Zitat) und neue, veränderte Blicke auf die Welt ermöglichen.
  • Resilienz und Sinnstiftung: Als historisches Beispiel für die gemeinschaftsstiftende Kraft der Kunst wird das Musizieren von Menschen im zerstörten Nachkriegsberlin angeführt, das in einer ansonsten hoffnungslosen Situation kollektive Hoffnung generierte.
  • Zukunftsentwürfe als Handlungsgrundlage: Um transformationale Prozesse real umzusetzen, bedarf es zwingend der Entwicklung einer positiven Zukunftsvision. Erst durch das gedankliche Antizipieren und Entwerfen von Zukunft wird gestaltendes Handeln in der Gegenwart überhaupt möglich.

Zusammenfassend argumentieren die Referent:innen, dass ein tiefgreifender globaler Wandel ohne die strukturelle und sinnstiftende Integration von Kunst und Kultur in den Nachhaltigkeitsdiskurs nicht gelingen kann, da jeder äußere Wandel einen inneren Bewusstseins- und Perspektivenwechsel voraussetzt.

 

Zentrale Aussagen aus dem Interview mit Prof. Dr. Dirk Messner (Präsident des Umweltbundesamtes)

Erweiterung des Nachhaltigkeitsmodells und zivilisatorischer Wandel

Dirk Messner plädiert dafür, das klassische Drei-Säulen-Modell der Nachhaltigkeit (Ökonomie, Soziales und Ökologie) um eine fundamentale vierte Säule zu erweitern: die Kultur. Er argumentiert, dass der angestrebte Übergang zur Klimaneutralität innerhalb der nächsten 25 Jahre nicht allein durch technologische Innovationen oder ökonomische Lenkungsinstrumente bewältigt werden kann. Vielmehr erfordere dieser Wandel eine tiefgreifende zivilisatorische Transformation. Mit Verweis auf Immanuel Kants Definition der Aufklärung beschreibt er den Kern dieses Prozesses als eine grundlegende Veränderung der kollektiven „Denkungsart“ sowie als eine Neuausrichtung der gesellschaftlichen Vorstellung von einem „guten Leben“. Kultur darf dabei nicht nur im Sinne einer ökologischen Optimierung des Kulturbetriebs selbst verstanden werden (wie der bloße ressourcenschonende Betrieb von Museen), sondern muss als struktureller, integraler Wirkfaktor im Nachhaltigkeitsgefüge verankert werden.

Die Dialektik von Risikobewusstsein und positiver Zukunftsvision („Doppelansatz“)

In der Transformationskommunikation vertritt Messner einen dezidierten Doppelansatz: Einerseits ist es wissenschaftlich unerlässlich, die immensen Risiken und planetaren Belastungsgrenzen – wie etwa die Kipppunkte im Erdsystem – ungeschönt zu benennen, um den Handlungsdruck rational zu begründen. Andererseits warnt er davor, in reinen Katastrophenszenarien („Doomsday“) zu verharren. Um Menschen zu mobilisieren und zu aktiven Treibern des Wandels zu machen, bedarf es attraktiver, positiver Zukunftsentwürfe. Diese müssen auf lokaler Ebene – im unmittelbaren Lebensumfeld der Menschen von „ein bis zwei Quadratkilometern“ – konkret erfahrbar und gestaltbar sein. Am Beispiel der Stadtentwicklung (etwa im Rahmen des europäischen Bauhauses) veranschaulicht er, dass funktionale ökologische Lösungen stets mit ästhetischen, kulturellen und gemeinschaftlichen Qualitäten („Schönheit“ und Lebensqualität) verschmolzen werden müssen, da sich Menschen nicht in CO²-Preise, wohl aber in lebenswerte, schöne Städte verlieben können.

Globale Kooperationskultur als fundamentale Transformationsbedingung

Als die derzeit kritischste „Achillesferse“ des globalen Wandels identifiziert Messner die Krise des internationalen Systems und das grassierende Misstrauen, das unter anderem durch geopolitische Konflikte wie die Aggression Russlands verschärft wird. Da sich globale Umwelt- und Klimakrisen ausschließlich kollektiv lösen lassen, ist die Etablierung einer funktionierenden Kooperationskultur eine vordringliche, im Kern kulturelle Aufgabe. Messner fordert hierbei eine kritische Selbstreflexion des Westens: Um die Blockaden in internationalen Verhandlungen zu lösen, müssen westliche Akteure das Misstrauen im globalen Süden abbauen und dem Vorwurf von „Doppelstandards und Scheinheiligkeit“ durch ein ehrliches, partnerschaftliches Handeln auf Augenhöhe begegnen.

Zusammenfassend definiert Messner Nachhaltigkeit als ein umfassendes, historisch dreistufig gereiftes Modernisierungsprojekt – von rein technologischen Ansätzen über ökonomische Strukturreformen hin zu einem tiefgreifenden kulturellen und gesellschaftlichen Wandel. Der Erfolg dieser Transformation entscheidet sich an der Fähigkeit, globale Kooperationsfähigkeit mit lokalen, ästhetisch ansprechenden Zukunftsentwürfen zu verknüpfen.

 

 

Zentrale Aussagen von Dr. Daniel Dahm (Gründer und Geschäftsführer der United Sustainability Group)

Ontologische Reintegration: Überwindung des Dualismus von Natur und Kultur

Dahm verortet das menschliche Wirken (die Anthroposphäre) als evolutionär eingebetteten Teil der 3,8 Milliarden Jahre alten Biogeosphäre. Er kritisiert den westlich-europäischen Denkfehler, Natur und Kultur als polare Gegensätze zu begreifen. Diese dualistische Perspektive verkenne, dass der Mensch ein vollständig integriertes Wesen innerhalb der Biosphäre ist. Die evolutionäre Geschichte zeigt laut Dahm, wie biologische Systeme durch funktionale, hochgradig widerstandsfähige und anpassungsfähige Wechselbeziehungen kooperieren. Der Mensch agiere heute jedoch als dominanter Akteur, der die biogeochemischen Kreisläufe und Ökosysteme des Planeten massiv destabilisiert.

Historische Bilanzierung und radikale Ökonomiekritik

Ein wesentlicher Teil des Vortrags widmet sich der Aufarbeitung historischer Versäumnisse und einer systemischen Kritik des globalen Wirtschaftssystems:

  • Ignorierte wissenschaftliche Evidenz: Dahm zeichnet eine historische Demarkationslinie von Rachel Carsons Silent Spring (1962) über die Grenzen des Wachstums des Club of Rome (1972) und den Brundtland-Bericht (1987) bis zum Erdgipfel in Rio (1992). Trotz dieser jahrzehntelangen Warnungen habe die Generation der heutigen Entscheidungstragende („Tätergeneration“) durch exzessiven Konsum und Raubbau die ökologischen Lebensgrundlagen systematisch abgebaut.
  • Destruktiver Finanzkapitalismus: Das aktuelle Wirtschaftsmodell basiere fundamental auf der Externalisierung (Abwälzung) ökologischer und sozialer Kosten auf die Allgemeinheit und zukünftige Generationen. Im Finanzkapitalismus werde Natur- und Sozialkapital rücksichtslos in Finanzkapital transformiert. Dahm bezeichnet stetiges Wachstum auf einem begrenzten Planeten als reine „Ideologie einer Krebszelle“ und dekonstruiert den Mythos der „unsichtbaren Hand“ des Marktes.

Der Paradigmenwechsel: Von der Schadensminimierung zur Regeneration

Als theoretischen und praktischen Ausweg fordert Dahm eine fundamentale Neudefinition von Nachhaltigkeit, die weit über den bloßen Erhalt des Status Quo hinausgeht:

  • Mathematischer Nachhaltigkeits-Benchmark: Wahre Nachhaltigkeit beginnt für Dahm erst dann, wenn die Externalisierung negativer Effekte vollständig überwunden ist und ein Netto-Nutzen für die Ökosysteme entsteht. Seine Formel verlangt, dass die Summe aus internalisierten Lasten, Kompensationen und ausgelagerten positiven Wirkungen abzüglich negativer Effekte kleiner oder gleich null ist.
  • Regeneratives Handeln und Commons-Governance: Ökonomisches Handeln muss sich an der „Lebensdienlichkeit“ ausrichten. Dies erfordert die materielle Renaturierung von Böden, den Schutz von Wildnisgebieten sowie den Aufbau zukunftsfähiger Infrastrukturen (Kreislaufwirtschaft, regenerative Energien, Wasserreinigung). Institutionell fordert Dahm eine Abkehr von der Akkumulation von Eigentumsrechten an Lebensgrundlagen bei Wenigen und stattdessen den regulatorischen Schutz von Gemeingütern (Commons) im Sinne einer neuen, gemeinschaftlichen Governance.

Zusammenfassend plädiert Dahm für eine grundlegende kulturelle und ökonomische Umsteuerung: Weg von einer zerstörerischen Wirtschaftsweise, die auf Externalisierung beruht, hin zu einer regenerativen Ökonomie, die sich synergetisch in die lebendigen Dynamiken der Erdsysteme einfügt.

 

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Vortrag von Dr. Thomas Köhler, Direktor der Berlinischen Galerie 
„Das Museum als Ressource“

 

Ressourceneffizienz durch Re-Use und Verzicht auf gestische Ikonizität

Köhler veranschaulicht am Beispiel der Berlinischen Galerie einen pragmatischen Paradigmenwechsel in der Museumsarchitektur. Statt ein kosten- und energieintensives, architektonisch spektakuläres Repräsentationsgebäude („gestische ikonische Architektur“) neu zu errichten, wurde ein bereits existierendes, ehemaliges Glaslager in Kreuzberg mit einfachsten Mitteln recycelt und einer neuen musealen Nutzung zugeführt. Dieser ressourcenschonende Ansatz stellt den tatsächlichen Inhalt des Hauses über die repräsentative Hülle.

 

Reformierung konservatorischer Betriebsstandards (Klimatologie)

Ein zentraler Hebel für ökologische Nachhaltigkeit im Museumbetrieb liegt laut Köhler in der dringend notwendigen Überarbeitung historisch gewachsener Restaurierungs- und Konservierungsdoktrinen. Die bisherige Praxis erzwingt extrem enge Temperatur- und Feuchtigkeitskorridore, was zu einem immensen Energieverbrauch führt. Mit Verweis auf internationale Vorreiter wie das Museum of Modern Art (MoMA) in New York plädiert Köhler für eine wissenschaftlich begleitete Ausweitung dieser Toleranzbereiche. Da die gravierendsten Schäden an Kunstwerken meist vor deren Aufnahme in die Bestände entstehen, seien Kunstwerke bei stabilen, aber energetisch weniger aufwendig regulierten Raumtemperaturen keineswegs fundamental gefährdet.

 

Aktivierung des Depots als Wissensressource vs. „Blockbuster“-Ökonomie

Köhler übt deutliche Kritik am gängigen, rein quantitativ orientierten Erfolgsmodell von Großmuseen, das primär auf besucherstarke „Blockbuster-Ausstellungen“ setzt. Dieses Modell beruht oft auf CO2-intensivem, transkontinentalem Leihverkehr, um kurzfristig ökonomischen Wert abzuschöpfen. Dem stellt er das Museum als „Speicher“ und die systematische Erschließung des hauseigenen Depots gegenüber. Am Beispiel der 600.000 Einheiten umfassenden Sammlung der Berlinischen Galerie zeigt er, dass oft nur ca. 1,5 % der Bestände öffentlich sichtbar sind. Das Depot darf jedoch kein passiver Friedhof „toter Objekte“ sein; es muss durch wissenschaftliche Aufarbeitung (z.B. Provenienzforschung, Erschließung von Kunstnachlässen wie Lotte Laserstein oder Benno Berneis sowie Fotografie- und Architekturarchiven) als aktive Bildungs- und Forschungsressource genutzt werden.

 

Regionale Netzwerk-Governance statt institutionellem Protektionismus

Für die Zukunft regt Köhler an, die Bestände von Kultureinrichtungen innerhalb einer Stadt oder Region nicht länger als voneinander isolierte Besitztümer eifersüchtig zu hüten. Stattdessen fordert er eine neue Form der gemeinschaftlichen Governance: Durch umfassende Digitalisierung und garantierten, wechselseitigen Zugriff sollten die verstreuten Sammlungen einer Region als ein einziger, dynamisch nutzbarer Gesamtbestand begriffen werden, um lokale kulturelle Schätze nachhaltig vor Ort zu aktivieren

 

Resümee

 

Führt man die Perspektiven aller Referent:innen der Tagung „Kultur der Nachhaltigkeit“ zusammen, formiert sich ein mehrdimensionales, komplementäres Gesamtbild für die anstehende gesellschaftliche Transformation:

  • Die philosophisch-kulturelle Dimension (Henkel / Mayer-Johanssen) liefert das fundamentale Fundament: Sie diagnostiziert eine systemische globale Krise und fordert, Kunst und Kultur als unverzichtbare, sinnstiftende Instrumente für den notwendigen Wandel des kollektiven Bewusstseins und der Sichtweisen zu begreifen.

  • Die umweltpolitisch-gesellschaftliche Dimension (Prof. Dr. Messner) erweitert das klassische Nachhaltigkeitsmodell strukturell um die vierte Säule der „Kultur“. Messner betont, dass technische und ökonomische Regulierungen wirkungslos bleiben, wenn sie nicht mit attraktiven, ästhetisch ansprechenden Zukunftsentwürfen im lokalen Lebensumfeld verknüpft werden und auf globaler Ebene eine neue Kultur der Kooperation und des Vertrauens etabliert wird.

  • Die koevolutionär-ökonomische Dimension (Dr. Dahm) liefert eine scharfe, wissenschaftliche Kritik am destruktiven Wachstumsparadigma des Finanzkapitalismus. Dahm verlangt eine mathematisch messbare Wende hin zu einer regenerativen Ökonomie (Kompensation historischer Schäden, Schutz von Gemeingütern/Commons), die sich kooperativ in die biogeochemischen Kreisläufe der Biosphäre integriert.

  • Die institutionell-praktische Dimension (Dr. Köhler) übersetzt diese theoretischen Ansprüche schließlich in konkretes, operatives Handeln im Kulturbetrieb: durch das Recycling von Gebäuden, die Absenkung energetischer Klimatisierungsstandards im Sinne des Umweltschutzes, die Abkehr von globalisierten Ausstellungs-Logistiken hin zur Aktivierung lokaler Depots und den Aufbau kooperativer Sammlungs-Netzwerke.

Gemeinsam zeigen die Beiträge, dass Nachhaltigkeit keine rein technokratische Aufgabe ist, sondern ein umfassendes, zivilisatorisches Modernisierungsprojekt, bei dem kulturelle Institutionen eine aktive Doppelrolle einnehmen müssen: als ökologische Vorbilder im eigenen Betrieb und als Reflexions- sowie Prospektionsräume für die Gesellschaft der Zukunft.

 

Weiterführende Literatur:

Henkel, Matthias: Culture is/as for Change – Kultur macht Sinn: Zum Konzept eines kulturell fundierten Verständnisses von Nachhaltigkeit Link zum wissenschaftlichen Beitrag