Das ehemalige Außenlager des KZ-Sachsenhausen in der Sonnenallee

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Bärbel Ruben
Stellvertretende Fachbereichsleiterin Museum | Stadtgeschichte | Erinnerungskultur

 

Zum 27. Januar 2024 – dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus:

Vier unterschiedliche Denkzeichen erinnern derzeit an das ehemalige Außenlager des KZ-Sachsenhausen in der Sonnenallee.

 

Mitten in Neukölln – heute im Bereich der Sonnenallee 181-189 – bestand einst ein Außenlager des KZ Sachsenhausen.[1] Heute befindet sich auf diesem Areal der Hertzberg-Sportplatz, die Spielstätte der Fußballer des Rixdorfer SV und des BSV Hürtürkel sowie des NSC-Marathon02; daneben auch das Terrain der benachbarten Kleingartenkolonie NCR e. V. Der historische belastende Abschnitt der Geschichte ist im Stadtraum jedoch nur unzureichend erkennbar.

 

Das KZ-Außenlager bestand von August 1944 bis April 1945. Hier wurden ca. 500 Frauen, zum größten Teil Polinnen jüdischen Glaubens, unter menschenverachtenden Bedingungen gefangen gehalten. Die Frauen mussten in der auf Rüstungsproduktion umgestellten naheliegenden Fabrik „National-Krupp Registrierkassen GmbH“ arbeiten. Bereits im Zeitraum Herbst 1942 bis Sommer 1944 wurden in dieser Fabrik vornehmlich weibliche Häftlinge aus Polen, der Sowjetunion und Frankreich zur Zwangsarbeit verpflichtet; der Ort ist damit historisch doppelt belastet. Insgesamt existierten in Berlin in der Zeit der Nazidiktatur ca. 3.000 Lager für Zwangsarbeiter:innen; die Ausbeutung ausländischer Frauen, Männer und auch Kinder wird damit zu einem Alltagsphänomen, das der deutschen Zivilbevölkerung nicht verborgen bleiben konnte. Nicht selten arbeiteten Zwangsarbeitende und Zivilbeschäftigte in kriegswichtigen Unternehmens Seite an Seite – dies allerdings zu völlig ungleichen Konditionen.

 

Der Einsatz von Millionen Zwangsarbeiter:innen und Kriegsgefangenen während des Zweiten Weltkrieges hat es dem Deutschen Reich ermöglicht, die Kriegswirtschaft in Gang zu halten und die Strukturen des nationalsozialistischen Staats aufrechtzuerhalten: „Im Zuge des massenhaften Einsatzes von KZ-Häftlingen als Zwangsarbeiter in der Rüstungsindustrie entstanden ab 1942 mehr als 100 Außenstellen und Außenlager des KZ Sachsenhausen; diese lagen in der Nähe von Rüstungsbetrieben wie z. B. den Heinkel-Flugzeugwerken in Oranienburg oder Berliner Rüstungsbetrieben wie AEG und Siemens.“[2] Außenlager befanden sich u. a. in Köpenick, Lichterfelde, Lichtenrade, Mariendorf, Marienfelde, Moabit, Müggelheim, Niederschöneweide, Reinickendorf, Spandau, Tegel, Wilmersdorf und Zehlendorf.[3]

 

Das Neuköllner KZ-Außenlager bestand aus zwei Teilen: Auf dem Gelände des Sportplatzes – heute Sonnenallee 181-185 – befanden sich eine Küchenbaracke sowie die Unterkünfte für das weibliche und männliche Wachpersonal. Auf dem Gelände der heutigen Kleingartenkolonie – heute Sonnenallee 187/189 – standen mindestens drei Häftlingsbaracken.[4] Eine der Häftlingsbaracken wurde als Wasch- und Baderaum sowie als Krankenstube und Isolierstation genutzt.

 

Das Gelände war zum Stadtraum hin mit einem Maschendrahtzaun und zwei Reihen Stacheldraht abgegrenzt. Dieser Zaun wurde im August 1944 zusätzlich mit Sichtschutz aus Flechtmaterial verstärkt. Ca. 500 polnisch-jüdische Frauen und Mädchen, die nach der Auflösung des Ghettos in Litzmannstadt (Łódź) im August 1944 zunächst kurzzeitig ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert worden waren, gelangten im Herbst 1944 nach Neukölln. Ihre Einstufung als „arbeitsfähig“ für den Einsatz in einem Rüstungsbetrieb bewahrte sie – so zynisch das klingen mag – vor dem sicheren Tod, denn die übrigen Ghetto-Bewohner:innen aus Łódź wurden in Auschwitz ermordet.

 

Bereits im Ghetto Litzmannstadt (Łódź) arbeiteten Frauen für die auch dort ansässige National Krupp Registrierkassen GmbH, weshalb vermutet wird, dass diese Frauen nun von Auschwitz nach Neukölln kamen, um hier ebenfalls bei Krupp Zwangsarbeit zu leisten. Die Firma befand sich in einem 5-stöckigen Neubau in der Thiemannstraße[5] und entstand durch eine Fusion der deutschen Niederlassung der amerikanischen Firma NCR (National Cash Register) mit der Krupp-Registrierkassen-Gesellschaft. Hier wurden seit Kriegsbeginn Zünder, Uhren für Zünder und Maschinenpistolen produziert – zudem auch Flugzeugteile und Munition.

 

Der harte Alltag der Zwangsarbeiterinnen begann bereits um 4 Uhr morgens mit einem Zählappell. Diese Prozedur dauerte bis zu zwei Stunden. Um 6 Uhr begann dann – mit leerem Magen – die 12-stündige Arbeit im Rüstungsbetrieb. Erst nach dem Ende der Arbeit gab es ein Viertel Pfund Brot und eine dünne Suppe, die meist aus Steckrüben oder Bohnen bestand. Diese Ration musste bis zum nächsten Abend reichen.

 

Von Montag bis Samstag wurde gearbeitet, sonntags mussten die Zwangsarbeiterinnen ihr Baracken reinigen. Bei Bombardierungen in den letzten Kriegswochen wurde das Barackenlager schwer getroffen, woraufhin die Häftlinge in einem nahgelegenen Kino untergebracht wurden.[6] Nachdem auch das Kinogebäude von Bomben zerstört wurde, erfolgte die Unterbringung in einem Keller auf dem Fabrikgelände.

 

1945

Am 18. April 1945 wurde das Lager auf Befehl der „Inspektion der Konzentrationslager” aufgelöst. Für die Frauen bedeutete das die erneute Verlegung ins Hauptlager Sachsenhausen. Dazu mussten sie, vom SS-Wachpersonal begleitet, zum S-Bahnhof Neukölln marschieren und mit den dort bereitgestellten Zügen nach Oranienburg fahren. Von hier aus wurden sie am 19. April ins Frauen-KZ Ravensbrück gebracht. Hier erlebten die Zwangsarbeiterinnen eine unverhoffte Erlösung von ihren Qualen: Im Rahmen der Aktion „Bernadotte“ rettete das schwedische Rote Kreuz einen Großteil der Frauen aus Neukölln und brachte sie noch vor der Befreiung des Lagers durch die Rote Armee, die am 30. April 1945 erfolgte, nach Schweden.

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet das KZ-Außenlager in der Sonnenallee zunächst in Vergessenheit. Das NCR-Werk wurde durch die sowjetische Besatzungsmacht demontiert und die deutsche Hauptniederlassung verlegte man nach Augsburg.

 

1947

1947 richtete der Bezirksverband der Kleingärtner Berlin-Süden in einer der noch erhaltenen Baracken aus der Zeit des Zwangsarbeitslagers ein Büro ein. Eine Luftaufnahme des Geländes aus dem Jahr 1954 zeigt noch zwei Baracken: eine an der Sonnenallee, eine an der Weserstraße, dort, wo heute eine Kindertagesstätte ist. Ende 1957 wurden die letzten Baracken abgerissen. Seit 1970 gehört das Gelände dem Land Berlin.

 

1960er- / 1970er-Jahre

Erst Ende der 1960er- / 1970er-Jahre nahm die Zentralstelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg, die für die Verfolgung von NS-Verbrechen zuständig war, die Ermittlungen zum Außenlager Neukölln auf.

„Die Justiz interessierte bei ihren Ermittlungen nur die Fälle der Tötung von Häftlingen, da – aus juristischer Perspektive – bis zu diesem Zeitpunkt alle anderen Straftaten bereits verjährt waren. Aus diesem Grunde tauchen in den Vernehmungsprotokollen Angaben über die örtlichen Umstände, Arbeits- und Lebensbedingungen nur beiläufig auf. Dennoch stellen diese Untersuchungsprotokolle die detailliertesten Quellen dar, die es zu diesem Lager gibt." [7]

 

1986

1986 stellte die Bezirksverordnetenversammlung Neukölln einen Antrag an das Bezirksamt, auf dem ehemaligen Lagergelände eine Gedenkstätte zu errichten.

 

1989-1994

Im Jahr 1989 lobte der Berliner Senator für Stadtentwicklung und Wohnungswesen in enger Abstimmung mit dem Bezirksamt Neukölln einen Kunstwettbewerb aus. Dies mit der Absicht, eine Gedenkstätte an der Sonnenallee für das ehemalige KZ-Außenlager zu errichten: „Das Ziel ist, den historischen Ort und das Geschehen, das sich dort abgespielt hat, in das öffentliche Bewusstsein zu rücken.“[8]


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© Wikimedia, Christian Michelides, 2018

Den Wettbewerb gewann der Künstler Norbert Radermacher. Er überzeugte die Jury mit der Idee einer Lichtinstallation, die erst nach Einbruch der Dunkelheit durch Passant:innen mittels Lichtschranke ausgelöst wird und auf die Geschichte des Ortes hinweist: Für 40 Sekunden erscheint folgender Text auf dem Gehweg:

 

AUF DIESEM GELÄNDE ERRICHTETE
DIE FIRMA "NATIONALE KRUPP REGISTRIERKASSEN GMBH"
FÜR DIE RÜSTUNG DER NATIONALSOZIALISTEN
1942 EIN ZWANGSARBEITSLAGER.
MEHRERE HUNDERT FRAUEN WAREN HIER EINGESCHLOSSEN.
VON 1944-1945 BEFANDEN SICH ÜBER
500 JÜDISCHE FRAUEN AUS POLEN IN DIESEM LAGER.
IN DIESEN JAHREN WAR HIER EINE AUSSENSTELLE
DES KONZENTRATIONSLAGERS SACHSENHAUSEN.

 

Von der Preisvergabe bis zur Realisierung vergingen jedoch vier Jahre, erst am 16. Mai 1994 wurde das Kunstwerk eingeweiht.[9]

 

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Gedenkstein des Bezirksamtes Neukölln auf dem Sportplatz, Aufnahme 2023, © Bezirksamt Neukölln

1991

Zwischenzeitlich handelte jedoch der Neuköllner Bezirksbürgermeister, Heinz Buschkowsky (SPD), und ließ am Rande einer Grünanlage auf dem Sportplatz einen Gedenkstein errichten, der eine Bronzetafel mit folgender Inschrift trägt:

 

In Gedenken an die Frauen, die hier von 1944 bis 1945 in einem Außenlager des Konzentrationslagers Sachsenhausen untergebracht waren. Bezirksamt Neukölln von Berlin.

 

Der Gedenkstein mit Tafel wurde im November 1991 im Beisein des Bürgermeisters der israelischen Partnerstadt Bat Yam, Ehud Kinamion, vom Neuköllner Bürgermeister, eingeweiht. Heinz Buschkowsky erklärte gegenüber der Berliner Morgenpost: „Damit verwirklichen wir endlich den Beschluss der Bezirksverordneten von 1986.“[10]

 

Ende 1990er-Jahre

Einem Aufruf der Berliner Geschichtswerkstatt folgend, meldeten sich Ende der 1990er-Jahre einige polnische Frauen, die nach der Auflösung des Łódźer Ghetto in deutsche KZs deportiert worden waren. Ihre Briefe werden heute im Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Berlin-Schöneweide verwahrt. Die schriftlichen Schilderungen ihrer Arbeitseinsätze bei Krupp decken sich mit den Beschreibungen aus den Akten, die aus der Zentralstelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg vorliegen.

 

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Gegen das Vergessen, Gedenktafel auf dem Gelände der Kleingartenkolonie NCR, 2019,  KGA NCR

 

2014

Im Jahr 2014 wurde – gefördert aus Mittel der Europäischen Union (EFRE) – eine weitere Erinnerungstafel auf dem nur halböffentlichen Kleingartengelände installiert.

 

Die Gedenktafel trägt folgende Inschrift:

 

Gegen das Vergessen

Wir erinnern an die Zwangsarbeiter 1942-1944 und die etwa 500 jüdischen Frauen, die hier 1944-1945 im KZ Außenlager des Konzentrationslagers Sachsenhausen für die Rüstungsproduktion der Zweigstelle „Nationale Krupp Registrierkassen GmbH“ NCR untergebracht waren.

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Hinweisschild „Zwangsarbeitsgeschichten“ des Geschichtsparcours Richardplatz Süd am Zaun, Sonnenallee 187, © Museum Neukölln

 

Schließlich gibt es am Zaun der Kleingartenanlage an der Sonnenallee 187 eine vierte Tafel aus Metall, die als Teil eines Geschichtsparcours des Quartiersmanagements Richardplatz Süd aus Mitteln der Städtebauförderung vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit gefördert wurde. Hier wird die ehemalige Zwangsarbeiterin Helen G. zitiert:

 

„Ich blieb in Auschwitz und wurde danach mit einem Lastwagen nach Berlin-Neukölln verfrachtet […] In Neukölln wurden wir gleich in drei Baracken aufgeteilt, die mit Stacheldraht eingezäunt waren. Die Baracken befanden sich in der Nähe des Bahnhofs und einer Fabrik von Krupp […] Ich bekam eine Nummer – 455 –, um sie auf den Ärmel meiner Kleidung zu nähen, und wurde dann zur Arbeit für Krupp geschickt.“

 

(Zwischen)Resümee

Vier Gedenktafeln zeugen davon, dass sich immer wieder und zu unterschiedlichen Zeiten, engagierte Menschen aus der Zivilgesellschaft und Mandatsträger aus der politischen Verantwortung heraus darum bemühen, dass Orte des Schreckens und des Terrors nicht in Vergessenheit geraten. Trotz all dieser Bemühungen ist dieser historisch belastete Ort in der Sonnenallee bislang im Gedächtnis der Stadtgesellschaft nur unzureichend sichtbar, lesbar – geschweige denn verständlich.

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Helene Korn, Stephen Tile und Harriet Merrow vor dem Gedenkstein auf dem Hertzberg-Sportplatz im April 2023,
© Museum Neukölln

April 2023

Im April 2023 nahm Helene Korn mit dem Museum Neukölln Kontakt auf, um sich einen persönlichen Eindruck von dem Ort zu verschaffen, an dem ihre Mutter, Bella Wyszegrodzka, als junge Frau als Zwangsarbeiterin gefangen gehalten worden war. In diesem Zusammenhang fand auch ein Gespräch mit Dr. Matthias Henkel (Leiter des Fachbereichs Museum | Stadtgeschichte | Erinnerungskultur) und der Bezirksstadträtin Karin Korte statt, um gemeinsam über die Möglichkeiten zur Verbesserung der Erinnerungsqualität des Ortes zu sprechen.[11]

 

Die archivalischen Quellen, die Helene Korn dem Museum Neukölln übergeben konnte, werden in die Dauerausstellung „99 x Neukölln“ einfließen und damit ein Stück weit mehr dem Credo des Museums Neukölln gerecht, nicht nur ein Museum über Menschen – sondern für und mit Menschen zu sein.

 

November 2023

Am 9. November 2023, dem 85. Jahrestag der Reichspogromnacht, ergriffen Anwohner:innen des Kiezes angesichts der antisemitischen Ausschreitungen nach den Terroranschlägern der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 die Initiative und gedachten an der Lichtinstallation von Norbert Radermacher der jüdischen Oper durch die Nationalsozialisten.[12]



[1] Damals Braunauer Straße 187/189.

[4] Diese und alle folgenden Angaben sind entnommen aus: Gedenkstätte KZ-Außenlager Sonnenallee Berlin-Neukölln, Der Senator für Bau- und Wohnungswesen, Ausschreibung, 1989.

[5] Heute Sitz des Finanzamts Neukölln.

[6] Dabei handelt es sich vermutlich um die Excelsior-Lichtspiele in der damaligen Braunauer Straße 111. Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Kinos_im_Berliner_Bezirk_Neuk%C3%B6lln

[7] Zentralstelle der Landesjustizverwaltungen, Ludwigsburg: Akte mit 409 Blatt über das Nebenlager (Akten Nr. IV 406 AR 645/69), zitiert nach Gedenkstätte KZ-Außenlager Sonnenallee Berlin-Neukölln, Der Senator für Bau- und Wohnungswesen, Ausschreibung, 1989., S. 19 und 27.

[8] Gedenkstätte KZ-Außenlager Sonnenallee Berlin-Neukölln, Der Senator für Bau- und Wohnungswesen, Ausschreibung,1989, S. 1.

[9] https://www.gedenktafeln-in-berlin.de/gedenktafeln/detail/zwangsarbeitslager/kz-aussenlager-sachsenhausen

[10] Berliner Morgenpost, 7.11.1991, Bronzetafel: Gedenken an jüdische Frauen aus Polen.

[11] Der Blogartikel der damaligen wissenschaftlichen Volontärin, Harriet Merrow, beschreibt eindrücklich den Prozess der persönlichen Annäherung https://schloss-gutshof-britz.de/museum-neukoelln/blog/aussenlager-sonnenallee