Praktikumsbericht zum Ausstellungsprojekt: Um|Benennen - Neukölln und seine Straßennamen

Timo Kloster
Student, Bachelor of Arts: Geschichte, Politik und Gesellschaft
Wie entscheidet man eigentlich, wie eine Straße heißt? Und warum können Straßenschilder politische Debatten auslösen, die sich über Jahre ziehen? Mit genau solchen Fragen habe ich mich sieben Wochen lang im Museum Neukölln beschäftigt. Ich durfte dort an einer Ausstellung über Straßenumbenennungen in Neukölln im 20. und 21. Jahrhundert mitarbeiten und habe dabei gemerkt, wie viel Geschichte buchstäblich vor unserer Haustür liegt.
Das Museum Neukölln liegt auf dem Gelände des Gutshofs Britz, in einem ehemaligen Pferde- und Ochsenstall. Heute befinden sich dort Ausstellungsräume, Büros, ein Archiv und ein Depot. Das Museum beschäftigt sich mit der Geschichte des Bezirks, von Migration über Alltagskultur bis zur Erinnerungspolitik. Das Museum ist also kein klassisches „Vitrinenmuseum“, sondern ein Ort, an dem aktiv geforscht und gesammelt wird.
Für mich war das Praktikum gleich doppelt spannend. Da ich in Neukölln aufgewachsen bin, kenne ich den Bezirk und das Museum noch aus Kindheitstagen. Letzteres plötzlich jedoch nicht mehr als Besucher, sondern als Teil des Teams hinter den Kulissen. Das war eine völlig neue Perspektive für mich. Außerdem passte das Ausstellungsprojekt thematisch hervorragend zu meinem Studium der Geschichte, Politik und Soziologie. Hier konnte ich die Inhalte aus den Seminarräumen in der Praxis anwenden. Die Straßenumbenennungen erstrecken sich dabei von der Weimarer Republik bis in die Gegenwart und zeigen, wie stark Straßennamen mit politischen und gesellschaftlichen Veränderungen verbunden sind.
Schon in den ersten Tagen des Praktikums wurde mir klar, dass Museumsarbeit zu einem großen Teil aus Recherche besteht. Ich begann damit, Bilder, Dokumente und Presseartikel für die Ausstellung zu sammeln und zu sortieren. Das war der perfekte Einstieg, um mich in das Thema einzuarbeiten. Schnell ging es weiter mit eigener Recherche und der Aufbereitung von Materialien für Ausstellungstexte. Dafür verbrachte ich viel Zeit im hauseigenen Archiv, im Zeitungsarchiv der Berliner Bibliotheken und sogar im Bundesarchiv in Lichterfelde. Dort bekommt man sehr schnell ein Gefühl dafür, wie „real“ Geschichte plötzlich wird. In den ganzen Dokumenten spiegeln sich persönliche Erfahrungen, Sichtweisen und Meinungen wider. Außerdem lernte ich Nutzungsanträge auszufüllen, die Akten zu bestellen und schließlich nach den entscheidenden Informationen zu suchen.
Besonders spannend war, wie politisch Straßennamen sein können. Hinter vielen Umbenennungen stecken jahrelange Debatten, Initiativen und Konflikte. Ein Beispiel hierfür ist die lange Diskussion um die Umbenennung der Wissmannstraße, in der postkoloniale Perspektiven und zivilgesellschaftliche Initiativen eine wichtige Rolle spielten. Plötzlich wurden Themen aus Seminaren nicht mehr abstrakt, sondern ganz konkret und lokal verankert. Da wurde mir klar, warum ich die Seminare besucht habe. Themen aus meinen Seminaren, wie Postkolonialismus, Erinnerungskultur, politische Entscheidungsprozesse, tauchten plötzlich ganz praktisch wieder auf. Denn besonders Straßenbenennungen entstehen oft im Spannungsfeld zwischen zivilgesellschaftlichen Initiativen, Politik und öffentlicher Erinnerung. Genau diese Zusammenhänge konnten wir im Studium theoretisch diskutieren; im Museum wurden sie dann aber greifbar. Auch methodisch war das Praktikum näher am Studium als erwartet. Ich transkribierte Interviews, wertete Quellen aus, recherchierte wissenschaftlich und strukturierte Texte. Das alles machte ich diesmal aber nicht für eine Hausarbeit, sondern für eine Ausstellung, die später von Besucherinnen und Besuchern gelesen werden sollte. Geschichte zu erforschen ist das eine, sie für ein breites Publikum verständlich zu erzählen, ist etwas ganz anderes.

Zum Ende des Praktikums durfte ich mehrere Ausstellungstexte überarbeiten und schließlich selbst welche schreiben. Mein größtes Highlight und gleichzeitig die größte Herausforderung war ein Kapitel, zu dem es noch kaum Vorarbeiten gab. Hier konnte ich von der ersten Recherche bis zum fertigen Textentwurf alles selbstständig erarbeiten. Spätestens dabei wurde mir klar, dass sehr viel unsichtbare Text- und Recherchearbeit hinter jeder Ausstellung steckt. Anders als bei Hausarbeiten müssen Ausstellungstexte kurz, verständlich und sofort zugänglich sein. Man hat nur wenige Zeilen, um ein Thema auf den Punkt zu bringen. Das bedeutet vor allem: kürzen, vereinfachen, noch einmal kürzen. Dieser Perspektivwechsel war anfangs ungewohnt, aber unglaublich lehrreich. Ich habe gelernt, wissenschaftliche Inhalte so zu formulieren, dass sie auch ohne Vorwissen verständlich sind und damit eine Fähigkeit gewonnen, die nicht nur im Museumsbereich nützlich ist.
Die sieben Wochen im Museum Neukölln haben mir gezeigt, wie vielseitig Museumsarbeit eigentlich ist. Zwischen Archiv, Recherche, Textarbeit und Konzeptionsgesprächen habe ich ein viel klareres Bild davon bekommen, wie viele Schritte nötig sind, bevor Ausstellungen entstehen. Vor allem habe ich gemerkt, wie spannend Lokalgeschichte sein kann. Wenn Geschichte direkt mit dem eigenen Lebensumfeld verbunden ist, wirkt sie plötzlich viel greifbarer. Straßennamen, Orte oder Plätze, an denen man täglich vorbeigeht, erhalten eine neue Bedeutung, sobald man ihre Hintergründe kennt. Das Praktikum hat mir gezeigt, wie sich mein theoretisches Wissen praktisch anwenden lässt. Für mich verbindet die Museumsarbeit Forschung, Schreiben und öffentliche Vermittlung auf ideale Weise. Wenn ihr also überlegt, ein Praktikum im Museums- oder Kulturbereich zu machen: Ich kann es nur empfehlen. Man lernt nicht nur viel über Geschichte, sondern auch darüber, wie man sie erzählt und für andere zugänglich macht.