Wohnkultur der Gründerzeit

 

Die repräsentative Wohnkultur der Gründerzeit

Seit 1989 wird auf Schloss Britz in fünf Räumen des südlichen Erdgeschosses eine Dauerausstellung gezeigt, die die gehobene Wohnkultur der Gründerzeit vermittelt. Den Besucher*innen können anhand der originalen Möbel, kunstgewerblichen Gegenstände und Raumdekorationen anschaulich das Wohn- und Lebensgefühl einer großbürgerlichen Familie im ausgehenden 19. Jahrhundert nachvollziehen.

Für den letzten Eigentümer war der ländliche und adelige Kontext von Schloss Britz offenbar entscheidend für den Ankauf im Jahr 1865. Die Repräsentationsräume liegen ebenerdig und ließen – wie etwa bei Sanssouci oder anderen barocken Lusthäusern – eine direkte Kommunikation zwischen Innen und Außen zu. In den 1880er Jahren wurde das Schloss auch im Inneren in durchaus heiteren Formen ausgestaltet – ohne dabei konkrete historische Stile oder konkrete Dekorationen nur zu kopieren. Insbesondere der Maskenfries im Speisezimmer, die prunkvolle Decke des Festsaals und die Frucht- und Blütendekorationen im Damenzimmer können als eigenständige Schöpfungen des 19. Jahrhunderts gelten.

1895 plante Julius Wrede offensichtlich eine Neudekoration der gesamten Wohnräume. Beginnend mit seinem Herrenzimmer wurde dabei eine weitaus repräsentativere und stilistisch näher an realen Stilvorbildern der Renaissance orientierte Gestaltung zur Anwendung gebracht. Allerdings verhinderte sein Tod im Jahr 1896 den weiteren flächendeckenden Ausbau, so dass noch heute ein Unterschied zwischen den heiteren Räumen der 1880er Jahre und dem nach Würde und der Darstellung von gediegenem Wohlstand abzielenden Herrenzimmer deutlich spürbar ist.

In den historischen Räumen sind die Holzböden entweder original erhalten oder nach Befund rekonstruiert. Gleiches gilt für die Türen, Wandverkleidungen, Fenster und Decken. Die farbigen Wandoberflächen und Tapeten wurden zum überwiegenden Teil aufwändig rekonstruiert. Alles Inventar wurde in und nach den 1990er Jahren erworben.

Das Mobiliar wurde gezielt für die museale Gestaltung der Dauerausstellung zusammengetragen. Beim Erwerb hatte man sich auch an Fotografien der Stadtwohnung der Wredes im damals angesagten Berliner Tiergartenviertel orientiert, um dem persönlichen Geschmack der Nutzer*innen möglichst gerecht zu werden. Das übergeordnete Ziel der Neumöblierung war dabei, den Alltag der Industriellenfamilie möglichst exakt zu veranschaulichen. Angereichert mit einzelnen Porträts und Erinnerungsstücken aus dem Familienbesitz wurde hier schließlich ein weitgehend typisches Interieur der Zeit zwischen 1880 und 1900 nachempfunden. Viele der ausgestellten Möbel sind qualitätvolle Unikate und stammen nicht, wie es in der Gründerzeit ansonsten oft anzutreffen war, aus einer fabrikmäßigen Massenproduktion. Anhand von zum Teil außergewöhnlichen Einzelstücken lassen sich daher insbesondere die Ansprüche der Oberschicht in Bezug auf Repräsentation und modernen Komfort ablesen. Die neu arrangierten Raumausstattungen von Schloss Britz fügen sich harmonisch in die teils originalen oder nach Befund wiederhergestellten Raumgestaltungen ein.

Gründerzeit

Die Epoche der Gründerzeit begann nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/1871 und der anschließenden Gründung des Deutschen Reiches. Die enormen Reparationszahlungen in Höhe von 5 Milliarden Goldfrancs, die das unterlegene Frankreich nach dem Friedensschluss in Versailles zu leisten hatte, kamen in großem Umfang dem deutschen Kapitalmarkt zugute. In der Folge wurden zahlreiche Firmen und Aktiengesellschaften gegründet, wobei insbesondere das Bürgertum vom konjunkturellen Aufschwungs profitierte. Im Zeitalter des Historismus spiegelten Architektur und Kunstgewerbe häufig auch das neue nationale Selbstbewusstsein. „Deutsche“ Renaissance und die als Nationalstil empfundene Gotik wurden häufig im Zusammenhang mit Neu- und Umbauten angewendet und ging einher mit einem patriotischen und nationalen Weltbild.